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Bei jedem Heimspiel steht ein SFC-Spieler zu einem besonderen Fussballthema Red und Antwort. Für das Spiel gegen den FC Thun kam Vincent Sasso auf die Wichtigkeit der Taktik auf und neben dem Platz zurück.


Hat jeder Fussballer einen Sinn für Taktik?

Nicht jeder, nein. Es ist nicht angeboren. Am Anfang misst du der Taktik keine grosse Bedeutung bei. Zu Beginn versuchst du, im Training Tunnel zu schieben. Mit dem Alter schaust du ein Fussballspiel mit einem anderen Blick und du merkst, wie wichtig die Taktik und vor allem die Arbeit ohne Ball sind. Der Sinn für Taktik kommt mit dem Alter.

Kann man ohne taktisches Verständnis Karriere machen?

Nein, ich denke nicht. 

Haben Spieler wie Ronaldinho oder Messi ein grosses taktisches Verständnis?

Ronaldinho ist vielleicht die Ausnahme, welche die Regel bestätigt. In 90% der Fälle muss man einen taktischen Sinn haben. Aber solche Spieler kompensieren mit Geniestreichen, die andere nicht haben. Sie verstehen den Fussball und wissen, was sie tun müssen, auch wenn sie weniger zurückkommen, als es zum Beispiel Mica Stevanovic tut. Für mich ist Messi ganz klar der beste Spieler der Welt. Vielleicht der beste aller Zeiten, auch wenn Vergleiche mit früheren Zeiten nicht unbedingt Sinn ergeben. Er hat soviel Talent, er ist so stark, dass du für ihn immer Lösungen findest. Er geht oft, kommt nicht immer zurück, aber wenn er den Ball hat, kann er den Unterschied ausmachen. Wenn du Talent hast, kannst du dir gewisse Freiheiten erlauben, aber nicht jedermann ist Messi.     

Die taktische Einheit der Woche ist eher ein Muss oder eine Freude?

Weder noch. Es ist nicht die spassigste Einheit. Wenn man Spieler ist, hat man kleine Spielformen, Spiele oder Rondos lieber. Allerdings sind taktische Einheiten die wichtigsten: so weiss man, wie der Gegner spielen wird und welche Taktik man anwenden wird. Es ist wie im Alltag. In der Schule musst du vorbereitet sein, wenn du eine Prüfung hast. Mit der taktischen Arbeit ist es das Gleiche.  

Es gibt die taktische Einheit auf dem Platz, aber auch die Videoanalyse. Ist diese interessanter?

Ich liebe die Videoanalyse. Es ist sehr wichtig, unsere Spiele zu schauen, zu sehen, was wir gut gemacht haben, was weniger gut war, was wir anders machen sollten. Wir analysieren auch den Gegner, um seine Stärken und Schwächen auszumachen. In der Schweiz spielen wir oft gegen dieselben Gegner, deswegen kennen wir sie allmählich.

Welches ist dein Lieblingsspielsystem?

Schwierig zu sagen. Unser Spielsystem, das 4-2-3-1, passt mir gut. Er gibt der Mannschaft Gleichgewicht. Ich habe keine besondere Vorliebe. Zu dritt oder zu viert hinten? Letztes Jahr lief ich links in der Dreierabwehr. Da hatte ich vor allem im Spielaufbau mehr Freiheiten. Vier Verteidiger, das ist der Klassiker. In letzter Zeit liefen mehrere Mannschaften mit einer Dreierabwehr auf und hatten damit Erfolg. Ich denke zum Beispiel an den FC Chelsea von Antonio Conte. 

Vor ein paar Jahren spielte man noch auf Abseits. Macht ihr das beim Servette FC dieses Jahr?

Es ist sehr schwierig, auf Abseits zu spielen. Ich denke insbesondere an diese Aktion in Neuenburg, wo wir es in der ersten Halbzeit tun und Nuzzolo läuft dann allein auf das Tor zu. Heutzutage ist es mit dem VAR noch schwieriger. Früher konntest du es mit etwas Glück schaffen. Es braucht Koordination und tägliche Arbeit im Training, man muss seine Mitspieler perfekt kennen. Heutzutage laufen die Spieler immer schneller, lesen das Spiel besser und spielen bessere Bälle, deswegen ist es kompliziert, auf Abseits zu spielen.   

Daher funktioniert es nicht mehr, die Hand zu heben, um eine Abseitsposition zu verlangen?

Nein, das funktioniert nicht mehr. Ausserdem lassen die Schiedsrichter die Aktion zu Ende spielen und beurteilen sie dann mit dem VAR. Ich hebe weiterhin den Arm, das ist ein Reflex, aber ich laufe immer weiter (lacht).

Oft läufst du nach vorne mit dem Ball am Fuss. Ist es eines deiner Merkmale?

Ich habe es von der Fussballschule in Nantes, wo man lernt, sauber hinauszuspielen. Anstatt den Ball wegzuschlagen, sucht man Lösungen mit dem Ball am Fuss, und wenn es ein Dribbling braucht, dann mache ich es. Servette hat die gleiche Fussballkultur und das entspricht meinem Spielstil.  

Du hast schon in Frankreich, England und Portugal gespielt. In welchem Land hast du die meisten taktischen Fortschritte erzielt?

Ich würde sagen, dass ich in Portugal am meisten taktisch gelernt habe. Es ist auch das Land, wo ich am längsten geblieben bin. Ich hatte ausgezeichnete Trainer. In Frankreich habe ich meinen Job gelernt und mit dem Fussball angefangen. Und was gibt es Besseres, als es in Nantes zu lernen, wo die Ausbildung ausgezeichnet ist.   

Wenn du nur einen Trainer aus deiner Zeit in Portugal hervorheben müsstest, wer wäre das?

Was die Taktik angeht, würde ich Sergio Conceicao in Braga erwähnen. Ein Jahr lang hatten wir eine tägliche Videoanalyse. In diesem Augenblick war es vielleicht langweilig, manchmal konntest du die Nase davon voll haben, aber wenn du dann am Wochenende auf dem Platz standest, wusstest du, was du tun musstest und du kanntest den Gegner. Die gesamte Mannschaft positionierte sich, so wie wir es in der Woche gesehen hatten. Er war wirklich detailbesessen. Da habe ich verstanden, dass viel taktische Arbeit nötig ist, um auf dem höchsten Level zu spielen. Für die Spieler ist es nicht immer toll, es kann lang werden, aber es ist äusserst wichtig.    

Wo steht die Schweiz im Vergleich zu den anderen Ligen, wo du gespielt hast?

Wir haben eine sehr homogene Liga. Der Fussball ist so international geworden, dass das Niveau fast überall gleich ist. Taktisch arbeiten alle sehr viel, alle setzen die Videoanalyse ein. Vor ein paar Jahren konnte man sagen, dass Italien einen taktischen Vorsprung hatte, aber heutzutage ist es nicht mehr der Fall. Für mich steht die Schweiz nicht tiefer als ein anderes Land.

Wo steht der Servette FC 2019/2020 im Vergleich zu den anderen Mannschaften, mit denen du gespielt hast?

Der Vergleich ist schwierig. Wir haben noch viel Arbeit vor uns und ich denke insbesondere an das Spiel gegen Neuenburg, als es für uns auch in Überzahl kompliziert wurde. Allerdings haben wir eine relativ junge Mannschaft, die ein grosses Verbesserungspotenzial hat. 

Was für einen Trainer ist Alain Geiger?

Alain überlässt uns viele Freiheiten. Er kennt den Fussball seit Jahren. Man könnte denken, er sei «Old School», aber er redet oft über Liverpool oder Manchester City. Er schaut sehr viel Fussball und kann sich anpassen. Im Kader haben wir viele junge Spieler und Alain Geiger führt uns dank seiner Erfahrung.