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Die Verteidigerin wurde für die NLA angeworben, als sie noch in der 3. Liga spielte, danach wechselte sie in die zweite Mannschaft von Chênois. Sie erzählt mit Stolz von ihrer bewegten Karriere.


Kannst du uns deine Karriere schildern, welche dich vom Jura nach Genf brachte?

Mit 5 fing ich in der Fussballschule des FC Clos-du-Doubs an. In diesem Verein spielte ich bis zu den D-Junioren. Bei den E- und D-Junioren hatte ich mehrere Trainer, darunter war auch mein Vater.  

Kommst du aus einer Fussballerfamilie?

Nein. Zwar war mein Vater Trainer und mein Bruder spielte ein paar Jahre beim FC Clos-du-Doubs, aber nicht mehr. In der Familie war ich diejenige, die am meisten mit Sport beschäftigt war, ich bin im Fussball am Weitesten gekommen.

Bei den D-Junioren wechselte ich dann zum FC Courgenay, danach konnte ich in der Coca-Cola Junior League C bei Cornol spielen. Das Niveau war etwas höher als woanders und deswegen sehr interessant. Ich war zwar das einzige Mädchen, konnte aber Kapitänin sein. Von klein auf war ich schon immer das einzige Mädchen der Mannschaft. Nur bei Clos-du-Doubs hatte ich eine Mitspielerin. Ich war allerdings gut integriert, auch weil ich mit meinen Mitspielern von Courgenay zur Schule ging. In der Pause spielten wir Fussball. Auch da war ich das einzige Mädchen, aber wir verstanden uns gut.

Mit 15 wechselte ich in eine Frauenmannschaft. Beim FC Courtedoux spielte ich mit zahlreichen Mitschülerinnen. Wir waren in der 4. Liga, aber nach ein paar Jahren wechselte ich zum FC Coeuve. Mit dieser Mannschaft stiegen wir von der 4. in die 3. Liga auf. Für mich war es kein einfacher Wechsel, denn zwischen den beiden Mannschaften gab es ein heiss umkämpftes Derby. Alle kannten sich. So hatte ich auch in der neuen Mannschaft viele Mitspielerinnen, die mit mir zur Schule gingen, was positiv war. Im Jura ist es oft so…

Standest du mit diesem Aufstieg auch vor einem Dilemma, da du aus einer nicht besonders sportlichen Familie kommst?

Wir hatten es in der Mannschaft ausdiskutiert, ob wir aufsteigen wollten oder nicht, weil es ein grösserer Aufwand war. Wir wollten uns aber dieser Herausforderung stellen. Wir blieben in der 3. Liga. Dann durfte ich mit einer Mannschaft an einem Hallenturnier in La Chaux-de-Fonds spielen, woran mehrere Mannschaften aus der Romandie teilnahmen. Da wurde ich gesichtet.

Spieltest du damals schon in der Abwehr? Beim Hallenfussball fällt eine Verteidigerin eigentlich nicht so auf, oder?

Ich habe auf allen Positionen gespielt. Von hinten als Libero bis vorne als Stürmerin. Später stand ich sogar mal im Tor, als ich mit Servette in der NLB spielte. Es war eine Ausnahme, denn unsere beiden Torhüterinnen waren gleichzeitig verletzt.

Eines Abends nach dem Turnier rief mich ein Trainer an und fragte, ob ich bei Yverdon in der NLA ein Probetraining absolvieren würde. Sie hatten mich in der Halle beobachtet und wollten mehr sehen. Ich ging hin und dann nahm alles seinen Lauf. Ich hatte gerade meine Lehre bei der Post abgeschlossen und war in Delsberg angestellt. Einen Monat lang fuhr ich hin und her. Ich stand um 4.30 Uhr auf, damit ich um 6 Uhr mit der Arbeit anfangen konnte. Um 16 Uhr war ich fertig und fuhr mit dem Zug nach Yverdon. Nach dem Training fuhr ich wieder zurück und meine Eltern holten mich gegen Mitternacht am Bahnhof ab. Es war viel zu kompliziert, dieser Zeitplan, die Müdigkeit…und dann hatte ich plötzlich jeden Tag Training. Davor trainierte ich in der 3. Liga zweimal in der Woche.  

Ein glücklicher Zufall kam dir allerdings entgegen…

Genau. Zu jener Zeit wollte der Mannschaftsmasseur aus persönlichen Gründen in den Jura zurück. Er schlug vor, mir seine Wohnung in Yverdon zu überlassen. Bei meinem Chef in Delsberg reichte ich das Gesuch auf eine berufliche Versetzung ein. So konnte ich die gleiche Arbeitsstelle in Yverdon antreten.

Mit 19 bist du also von der 3. Liga in die NLA gewechselt. Ausserdem bist du für den Fussball umgezogen und hast alleine gelebt. Was hast du dir in dieser Zeit gedacht?

Für mich war es eine einmalige Chance. Heute gibt es eine 2.-Liga-Mannschaft im Jura, aber damals gab es keine konkurrenzfähige Mannschaft. Meinen Eltern hatte ich schon immer gesagt, dass ich es im Fussball weiterschaffen möchte, und als ich sah, dass all diese Türen mit der Arbeit, mit der Wohnung aufgingen, dann entschied ich mich dafür, meine Familie und meine Freunde zu verlassen, um meinem Traum nachzugehen. Ich bereue nichts, ich habe viel gelernt und ich bin schnell reifer geworden, da ich allein und weit weg von der Familie wohnen musste.

War es sportlich schwierig?

Oh ja! Die ersten sechs Monate waren kompliziert. Der Sprung von der 3. Liga in die Nationalliga A war gewaltig. Auch nur, weil wir jeden Tag trainierten. Ausserdem war das Athletiktraining ganz anders, viel intensiver. Ich schuftete, jeden Tag kam ich mit Schmerzen nach Hause, aber es hat sich dann gelohnt. Nach dieser Anpassungszeit war ich auf dem gleichen Stand wie meine Mitspielerinnen. Es war hart, aber befriedigend.

Yverdon holt Spielerinnen vor allem aus den Waadt-Auswahlen. Dein Profil war etwas aussergewöhnlich, da du aus der 3. Liga kamst, nicht wahr?

Ich wurde oft gefragt, was mein Geheimnis gewesen war, um von der 3. Liga direkt in die NLA zu wechseln. Mein Weg war anders als derjenige von Spielerinnen, die aus dem Nachwuchs kamen oder jede Stufe von der 3. Liga, über die 2., die 1., die NLB bis in die NLA durchmachten, aber dafür musste ich mehr arbeiten. Die Trainer unterstützten mich, so verbrachte ich zwar Zeit auf der Bank, aber danach durfte ich auch spielen. Ich habe viel gelernt. Es hat sich total gelohnt. 

Zwei Saisons lang spieltest du in der NLA. Was passierte dann?

Ich wollte meinem Privatleben mehr Zeit widmen, weil man in der NLA auch viel Opfer bringen muss. Deswegen wollte ich eigentlich mit dem Fussball aufhören. Aber Maeva Sarrasin, die ich in Yverdon kennengelernt hatte, spielte damals bei Chênois in der 2. Liga.

Sie erzählte mir vom Projekt und stellte mich ihren Mitspielerinnen vor. Eine Spielerin hatte sich verletzt, deswegen fragten sie mich, ob ich die Saison mit ihnen fertigspielen würde. Da dachte ich mir: «Warum nicht?» Es gab einen guten Zusammenhalt, alle Spielerinnen waren sympathisch und seitdem habe ich nie mehr mit dem Fussball aufgehört.  

Es gab sicherlich einen markanten Intensitätsunterschied zwischen der NLA und der 2. Liga, oder?

Ja, auch weil der Yverdon-Trainer sehr viel Wert auf Athletik legte. Ich habe mich sehr weiterentwickelt. In der 2. Liga ging es mehr darum, Spass zu haben. Wir lachten viel, aber wir hatten gute Resultate. Wir stiegen in die 1. Liga auf und kurz danach fragte uns Salvatore [Musso, Präsident des Servette FCCF], ob Maeva und ich in der NLB-Mannschaft spielen würden, um beim Aufstiegsversuch mitzuhelfen.  

Kurz danach fusionierte Chênois mit Servette. Waren Veränderungen in der Struktur spürbar?

Ja. Es ging plötzlich einiges mehr auf, wir hatten eine bessere Infrastruktur, andere Rahmenbedingungen, wir hatten Physiotherapeuten… Ich hatte sowas nie gehabt. Da merkten wir, dass es professioneller wurde.

In dieser Saison bist du oft mit Nathalia Spälti und Caroline Abbé in der Dreier-Abwehr aufgelaufen. War es für dich neu?

Dieses 3-5-2-Spielsystem war ziemlich neu, aber wir haben es trainiert, wir haben es umgesetzt und dann geht es um Zusammenhalt und Verständigung. Wir haben das Glück, mit Caroline Abbé zusammen zu spielen. Sie hilft und unterstützt uns. Nach einer ersten Phase, wo wir vom System nicht wirklich überzeugt waren, konnten wir es besser umsetzen. Wir haben gemerkt, dass sich die Arbeit im Training gelohnt hat. 

Du hast den Zusammenhalt erwähnt. Wie beurteilst du den Zusammenhalt dieses generationenübergreifenden Trios?

Ich kann von Caro viel lernen, ich sauge so viel wie möglich auf. Sie kommuniziert viel, hilft uns beim Stellungsspiel. Eine so erfahrene Stütze zu haben kann uns nur weiterhelfen. Dann müssen wir aber unseren Job machen, wir müssen auf der Höhe sein. Ja, es gibt Caro, aber uns muss auch Vertrauen geschenkt werden.  

Auch wenn die Saison abgebrochen wurde, hattet ihr die beste Abwehr der Liga. Ihr hattet nur 13 Tore kassiert, Zürich hingegen 22. Was hältst du davon?

Es ist interessant! Das kann nur befriedigend sein. Ich verdiene mir meinen Platz auf dem Feld, ich kämpfe jeden Tag im Training dafür, weil es hinter mir mehrere Mitspielerinnen gibt, die gerne spielen würden. Ich muss dem Trainer zeigen, dass er mich aufstellen muss. 

2019 bist du Schweizerin geworden. In der Abwehr spielst du neben Caroline Abbé, die 127 Male für die Schweiz auflief, und Nathalia Spälti, die im Januar ihr erstes Länderspiel bestritt. Macht es dir Lust auf mehr?

Ich habe schon immer gesagt, dass man ein Aufgebot der Schweizer Nationalmannschaft nicht ablehnen kann, wenn sich die Gelegenheit ergibt. Aber mein Ziel ist die Champions League. Es wäre sehr gut, für die Schweizer Nationalmannschaft zu spielen, ich bin bereit, einiges aufzuopfern, um meine Chance zu bekommen, aber die Champions League ist etwas Anderes, es ist ein Traum. Mein Alter spielt auch eine Rolle. Ich werde 27. Es ist einfacher, mit 20 in die Nationalmannschaft zu kommen, als mit 27.

Seit zwei Jahren arbeitest du für den Servette FC. Du bist Logistikerin im Ausbildungszentrum. Macht es dich glücklich, immer in der Nähe des Fussballplatzes zu sein?

Ja, seit dem 1. Mai sind es zwei Jahre. Es hat mein Leben total verändert, ich bin glücklich, einen Job im Fussball zu haben. Damit ist ein Traum in Erfüllung gegangen. Ich liebe es, die Logistik des Trainingsbetriebs zu planen, zu wissen, wie alles läuft… Ich finde die Planung zufriedenstellend.

Drei Adjektive, die dich beschreiben?

Ehrgeizig, grosszügig und perfektionistisch.