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Am Ende der vergangenen Saison wurde Marine Voirol am vorderen Kreuzband operiert und ist allmählich am Ende ihres Leidensweges. Sie erzählt von ihrem Kreuzweg.


*Die Fragen wurden vor der offiziellen Mitteilung des SFV und der Bekanntgabe des Saisonabbruchs gestellt.*

Hallo Marine, könntest du uns deine bisherige Karriere bis zu deinem Wechsel zu Servette im Frühling 2019 schildern?

Mit vier habe ich mit dem Judo angefangen und diese Sportart trieb ich neun Jahre lang…

Du bist sehr bescheiden, denn du hast als Judoka ziemlich Erfolg gehabt. Kannst du uns davon erzählen?

[Widerwillig] Ich war dreimal Genfer Meisterin und gewann auch eine Medaille bei der Schweizer Meisterschaft.

Welche Farbe hatte die Medaille?

[Immer noch widerwillig] Die Medaille war aus Gold.  

Du bist zu bescheiden. Du hast aber mit dem Judo aufgehört…

Mit zwölf wollte ich etwas Anderes ausprobieren. Eines Abends sprach ich mit meiner Mutter darüber und ich sagte ihr: «Ich möchte mit dem Judo aufhören und mit dem Fussball anfangen.» Sie schaute mich aus den Augenwinkeln an und fragte, ob ich krank sei. Ich lachte und behauptete, ich sei ernst, ich wolle unbedingt mit dem Fussball anfangen.

Ein paar Tage später nahm meine Mutter mit einem Trainer von Terre-Sainte Kontakt auf. Terre-Sainte war die Mannschaft in der nächsten Umgebung meines Wohnorts. Sie fragte ihn, ob ich ein Probetraining machen durfte. Er akzeptierte und nach dem Training fragte er mich, in welchem Verein ich spiele. Er konnte es kaum glauben, dass ich abgesehen von ein paar Malen mit meinem Bruder und meinen Cousins noch nie Fussball gespielt hätte. Ich sagte ihm, dass ich nicht spielen konnte, aber er entgegnete: «Ich nehme dich in meine Mannschaft auf.»

Ich war sehr glücklich und von da an ging es sehr schnell. Fünf Monate später spielten wir gegen die Waadt-Auswahl, Team Waadt U14, und nach der Begegnung wollte der Trainer, dass ich für die Auswahl spiele. Ich redete mit meinen Eltern darüber und nach reifer Überlegung akzeptierte ich das Angebot. Dann ging es noch einmal schneller. Ich wurde mit fünfzehn für die U16-Nationalmannschaft aufgeboten, dann für die U17-Nati. Da war ich wirklich stolz, denn ich hätte nie gedacht, dass ich es fussballerisch soweit schaffen könnte.  

Entschuldige, dass ich dich erneut unterbreche. Denkst du, dass dir einige deiner Judoqualitäten auf dem Fussballplatz nützlich sind?

Dank dem Judo habe ich hohe Ansprüche an mir selber, weil du von einer Sekunde auf die andere einen Kampf verlieren kannst. Diese Mentalität habe ich auf dem Fussballplatz behalten.

Du hast von deinem unerwarteten Erfolg gesprochen, der dich bis in die Schweizer U17-Nationalmannschaft gebracht hat…

Es waren mehrere Emotionen: Freude, Glück, persönlicher und kollektiver Stolz… Abgesehen davon, dass meine Mutter nicht wollte, dass ich Fussball spiele, hat sie mich immer unterstützt und ich habe ziemlich schnell verstanden, dass ich mit dem Fussball weitermachen wollte. Im Team Waadt habe ich von der U15 über die U16 und U17 bis zur U19 alle Stufen durchgemacht. Als ich 18 Jahre alt war, verletzte ich mich am Knie.

Mein Innenband war gezerrt und ich musste drei Monate aussetzen. In dieser Zeit wurden die Spielerinnen für die U19-Nationalmannschaft ausgewählt. Aufgrund meiner Verletzung wurde ich ausgeschlossen, aber ich bin nicht in Selbstmitleid verfallen. Ich habe mir gesagt: «Ok, du pflegst dich und wirst gesund, du nimmst dir für dein Studium Zeit, es ist nicht schlimm, wenn du weitermachst, bekommst du später eine neue Chance.»

Ich habe mich von der Verletzung erholt und wechselte in die NLA-Mannschaft von Yverdon. Gleichzeitig fragte mich mein Grossvater: «Warum gehst du nicht zu Servette? Sie sind zwar in der NLB, aber sie haben YB geschlagen…»

Ich dachte mir dann: «Das stimmt doch, warum sollte ich das nicht machen? Ich bin Genferin und wenn ich eine Mannschaft aus der Region unterstützen kann, wenn ich für meinen Kanton spielen kann, dann mache das doch sehr gerne.» Ich sprach mit Eric [Sévérac] davon und er fragte nach meinen Zielen. Ich antwortete, dass ich mir einen Platz in der NLA schaffen wolle.

Ich wechselte zu Servette und lernte meine Mitspielerinnen kennen. Sie sind genial, ich hatte sofort Spass und den habe ich weiterhin, auch wenn ich ein Jahr lang nicht mittun konnte. Diese Mädels haben eine starke Mentalität. Die erfahrenen Spielerinnen nehmen uns unter ihre Fittiche und wir respektieren sie, das hat mir sofort gefallen. Der Trainer ist genial, der Staff ist super. Das ist mein bisheriger Weg und ich bereue nichts davon. Es war eine meiner besten Entscheidungen.  

Eine starke Verbundenheit besteht zwischen deiner Familie und dem Verein, oder?

Ja, ich habe diese Verbundenheit geerbt. Mein Grossvater spielte für Chênois, als er jung war, und ich habe eine sehr enge Beziehung ihm. Dass ich nun für diese Mannschaft spiele, macht mich gegenüber ihm sehr stolz und glücklich, weil er sehr viel Wert auf die Genfer Werte legt. Wenn ich jemandem meinen fussballerischen Weg widmen müsste, dann würde ich ihn meinem Grossvater widmen, deswegen bin ich sehr glücklich darüber, dass ich ihn damit ehren kann, dass ich für seinen Lieblingsklub mit seinen Lieblingsfarben spiele.

Du hast davon gesprochen, dass du deinem Studium «dank» deinen Verletzungen mehr Zeit widmen konntest. Was studierst du?

Ich bin zurzeit im letzten Jahr im Gymnasium. Mein Ergänzungsfach ist Wirtschaft und Recht.  

Willst du nächstes Jahr an der Universität studieren?

In den nächsten zwei Jahren werde ich nicht an der Universität studieren, denn ich habe mich in einer Genfer Bank beworben und am 1. September fange ich mit einem zweijährigen Praktikum an. Dann werde ich sehen, wie es mit dem Fussball läuft, aber mein Kindheitstraum ist es, bei der Kriminalpolizei zu arbeiten.

Reden wir etwas von deiner Verletzung. Du hast dich kurz nach deinem Wechsel zu Servette verletzt, das war sicherlich schwer…

In jenem Augenblick wusste ich nicht wirklich, was es bedeutete. Erst nach der Operation empfand ich Wut, Traurigkeit, Hass, Ekel… Ich war sehr sauer auf mein Knie. Ich sah kein Licht am Ende des Tunnels. Ich ging zum La-Tour-Spital, wo ich alle Bewegungen wieder neu lernen musste: gehen, den Fuss richtig absetzen, das Gewicht auf beiden Beinen verteilen… das war sehr frustrierend.

Dann habe ich mich beruhigt und mich auf mein Ziel konzentriert, denn ich will auf mein Niveau zurückkommen. Meine Motivation, noch mehr zu geben, war dank diesem Ziel sehr gross. Am Anfang ist es kompliziert, denn ich wusste nicht, was auf mich zukommen würde, aber dann habe ich Schritt für Schritt daran gearbeitet und bin mit einer anderen Einstellung auf den Platz zurückgekommen.  

Ich denke, dass ich in dieser Zeit etwas gelernt habe: ich bin mental stärker, ich bin in der physischen Vorbereitung und in der Ernährung etwas seriöser, denn diese Aspekte sind sehr wichtig, um gesund zu bleiben. Ich empfinde nun viel Freude, dass ich nach acht Monaten wieder auf dem Platz stehen kann. Ich hoffe, dass für mein Knie und für die Mannschaft alles nach Plan laufen wird.  

Vor dem Unterbruch konntest du wieder mit der Mannschaft trainieren. Stimmt das?

Zwei Wochen, bevor das Training unterbrochen wurde, durfte ich wieder mit der Mannschaft trainieren, allerdings ohne Zweikampf.  

Ist es nicht entmutigend, nun aufgrund der Gesundheitskrise erneut pausieren zu müssen?

Nein, es ist nicht entmutigend. Aber frustrierend schon, weil ich nach einer so langen Verletzungspause nur eines will: den Ball berühren und Fussballspielen. Aber wir befinden uns alle in derselben Situation, und ich kann auch darin Positives finden, denn so hat mein Knie mehr Zeit, um sich vollständig zu erholen. Für alle ist es eine ärgerliche Situation, aber es gibt Schlimmeres. Es ist ein Grund, um noch motivierter zurückzukommen und 120% zu geben.  

Am Anfang des Interviews hast du die gute Stimmung in der Mannschaft erwähnt. War sie während deiner Rehabilitation wichtig?

Ja, auf jeden Fall. Der Zusammenhalt macht die Stärke einer Mannschaft aus. Ein paar Spielerinnen besuchten mich nach der Operation im Spital, andere haben sich immer wieder danach erkundigt, wie es mir gehe. Jedes Mal, wenn ich auf dem Trainingsgelände die Mannschaft besuchte, lachten wir. Mental half es mir. Wenn man die Unterstützung und die Wärme spürt, macht es das Ganze einfacher.

Mehrere andere Spielerinnen verletzten sich ebenfalls in dieser Zeit und die Leistungen liessen vielleicht aufgrund dessen etwas nach, denn Servette gab seinen Podestplatz ab. War es psychologisch gesehen eine schwierige Zeit für die Mannschaft?

Es war sehr frustrierend, unser erstes Ziel nicht zu erreichen, deswegen waren wir enttäuscht. Am Ende der Saison gab es eine physische Müdigkeit, welche dazu führte, dass unsere Resultate nicht mehr so gut wie zu Saisonbeginn waren. Wir haben allerdings daraus gelernt und sind stärker daraus gekommen. Wir arbeiten noch mehr, um unsere Ziele zu erreichen, denn Arbeit zahlt sich immer aus.

Der Servette FCCF hat das Glück, vier Physiotherapeuten im Medical Staff zu haben. Waren sie während deiner Rehabilitation wichtig?

Ja, klar. Es ist wichtig, eine professionelle Meinung über die Verletzung zu haben. Ich hatte viele Sorgen, denn auch Monate nach der Operation spürte ich Schmerzen. Dass ich die Meinung der Physiotherapeuten einholen konnte und dass sie mein Knie mobilisieren konnten, war sehr wichtig für mich. Es gab mir Sicherheit. Auch heute bin ich erleichtert, wenn sie da sind. Ohne sie wäre es schwierig.

Beinverletzungen, insbesondere Kreuzbandverletzungen, sind für Fussballerinnen eine psychologische Herausforderung. Hast du das Gefühl, dass du in diesem Bereich unterstützt wurdest?

Jede schwere Verletzung ist eine psychologische Herausforderung. Es ist immer positiv, wenn du vom Verein oder von deinen Freunden und deiner Familie unterstützt wirst. Bei mir war es der Fall, denn ich hatte meine Mitspielerinnen, meine Freunde und meine Familie um mich herum. Ausserdem spielten die Physiotherapeuten des La-Tour-Spitals eine wichtige Rolle im psychologischen Bereich, weil sie meine Entwicklung genau verfolgten. Es ist vor allem dank ihnen, dass ich heute hier bin.  

Was hatte es für eine Bedeutung, wieder Fussball spielen zu können?

Ich würde sagen, dass ich drei verschiedene Emotionen empfunden habe. Ich war aufgeregt, weil ich meine Leidenschaft neu entdecken konnte. Ausserdem spürte ich eine grosse Freude, weil ich endlich Licht am Ende des Tunnels sehen konnte. Und ich war sehr stolz, weil ich jeden Morgen mit diesem Ziel aufgestanden bin, so schnell wie möglich zurückzukommen, und es hat sich gelohnt. Nun sehne ich mich danach, wieder mit der Mannschaft trainieren zu dürfen. Aber ich denke, dass es allen so geht.  

Hast du Angst, wenn du auf dem Platz stehst?

Ich hatte vor den Zweikämpfen Respekt, als ich wieder auf dem Platz stand, aber ich dachte nicht wirklich an mein Knie. Ich meine, dass ich nicht daran dachte, wenn ich die Richtung wechseln musste oder wenn ich den Ball am Fuss hatte.  

Auf dem Platz ist die Dynamik deine Stärke. Bist du immer noch so spritzig oder hast du da noch Nachholbedarf?

Nach einer so langen Abwesenheit muss ich mich auf dem Platz erst wieder einfinden, aber die Motivation und der Kopf stimmen, deswegen sollte es klappen.

Während deiner Verletzung hat sich die Mannschaft verstärkt. Ist es eine weitere Herausforderung?

Ich habe es als Ansporn gesehen, um noch mehr zu geben, damit ich so schnell wie möglich auf mein Niveau zurückkomme.

Wenn die Saison zu Ende gespielt werden darf, was sind deine Mannschaftsziele?

Cupsieger werden und unseren ersten Platz bis zum Saisonende behalten.

Wenn man sieht, was für eine Saison Servette spielt, wäre der Abbruch der Saison bestimmt ein grosser Frust, oder?

Klar, es wäre sehr frustrierend, wenn man die Saison abbrechen würde, aber man kann nichts dagegen tun. Wenn es zum Abbruch kommt und wir trotz des ersten Platzes keinen Titel gewinnen, werden wir daraus lernen und nächste Saison noch stärker zurückkommen.

Drei Adjektive, die dich beschreiben?

Stur, ehrgeizig und grosszügig.