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Seit mehr als drei Jahren ist die Französin Marie Duclos unbestrittene Stammspielerin und absolviert neben der Fussballkarriere ein Jusstudium.


In welchem Alter und wie hast du mit dem Fussball begonnen?

Mit sieben habe ich angefangen. Mein älterer Bruder spielte bereits in einem Verein und mit meiner Mutter waren wir oft am Spielfeldrand. Ich hatte sehr viel Spass daran, mit dem Ball zu spielen, deswegen habe ich mich im selben Verein angemeldet.

Wo bist du aufgewachsen?

In einem kleinen Dorf neben Clermont-Ferrand (Frankreich).

Dort wird vor allem Rugby gespielt, nicht wahr?

Ja tatsächlich, dort ist es die Sportart Nummer 1, weil Clermont eine grosse Rugby-Mannschaft ist. Aber viele Leute spielen auch Fussball, wie überall in Frankreich.

Hat es dich nie gereizt, Rugby zu spielen?

Wirklich gar nicht! Ich habe mich nicht wirklich dafür interessiert und sogar heute verstehe ich noch nicht alle Regeln.

Wann ist Fussball ernster geworden?

Zunächst wurde es mit 12 etwas ernster, weil ich mehr Trainingseinheiten hatte und weil ich in eine Juniorenmannschaft wechselte und mit den Jungs auf regionaler Ebene spielte. Meine Mannschaft hiess FC Cournon in der Auvergne. Mit 15 kam ich dann ins Ausbildungszentrum in Lyon und da wurde es hart und fordernd.   

Wie lief es dir dort? Es ist sicherlich sowohl im sportlichen als auch im schulischen oder menschlichen Bereich eine anstrengende Erfahrung, oder? Nicht so einfach den Druck vom Fussball mit den Anforderungen des Studiums miteinander zu vereinbaren…

Es ist eine zwiespältige Bilanz. Das Menschliche und das Schulische waren einmalig. Im sportlichen Bereich hatte ich allerdings mehr Mühe, ich war zu jung, um diesem Druck, dieser Härte und den allgemeinen Anforderungen standzuhalten. Ich war für den Hochleistungssport nicht genug gewappnet.  

Wie lief es konkret? Hattest du eine Mannschaft im Ausbildungszentrum?

Pro Jahrgang gab es sechs oder sieben Spielerinnen. Das Ausbildungszentrum unterstand dem französischen Fussballverband und da trainierten drei Jahrgänge miteinander, welche den Schuljahren der Oberschule entsprechen. Unter der Woche lebten wir zusammen im Internat, wir trainierten jeden Tag. Am Wochenende stiessen wir dann zu unseren jeweiligen Mannschaften, zu jener Zeit spielte ich mit der AS Saint-Étienne.

War es im Vergleich zu den anderen Spielerinnen der ASSE ein Vorteil, im Ausbildungszentrum trainieren zu können?

Es war auf jeden Fall ein Vorteil, weil das Leistungsniveau höher war. Ich konnte jeden Tag mit den besten Spielerinnen meiner Generation trainieren, für mich war das ein Pluspunkt. Ich konnte allerdings nicht mit meinen Mitspielerinnen trainieren, was vielleicht der einzige Negativpunkt darstellt. Aber zum Glück war ich nicht die einzige.

Wie war es, weit weg von deiner Familie zu leben?

Das erste Jahr war es schrecklich. Ich war 15 und es hat mir das Herz zerrissen. Dann wurde es im Verlauf der Jahre immer besser. Auch dank meinen Mitspielerinnen.

In welchem Alter hast du zum ersten Mal mit den Profis von Saint-Étienne trainiert?

Mit 17 durfte ich ab und zu mit der ersten Mannschaft trainieren, aber noch war es nicht jeden Tag.

Wann hattest du deinen ersten Einsatz in einem Spiel?

Meine ersten Freundschaftsspiele bestritt ich mit 19. Davon behalte ich gute Erinnerungen. Unter anderem an eine Begegnung gegen Marseille, weil wir gewonnen hatten und ich mich auf dem Platz so ausdrücken konnte, wie ich es mag. Später spielte ich dann in einem Meisterschaftsspiel, aber ich weiss nicht mehr, gegen wen es war. Auf jeden Fall war es speziell, weil man von Anfang an bereit sein muss, wenn man auf den Platz kommt. Ich spürte viel Druck und wusste, dass der Trainer viel von mir erwartete.  

Welche war deine Position zu jener Zeit?

Ich war offensive Mittelfeldspielerin.

Welche ist deine schönste Erinnerung an die Jahre mit der ASSE?

Unser Sieg gegen Lyon im Finale des Rhône-Alpes-Pokals. Eine wunderschöne Erinnerung.

Gibt es denn die gleiche Rivalität wie bei den Männern?

Oh ja, es ist genau gleich.

Als du nach Genf kamst, spieltest du mit Chênois. Die Situation war anders als heute. Hast du es erwartet, wieder auf höchstem Niveau zu spielen?

Nein, nicht wirklich. Als ich hierhin kam, wollte ich nur aus Spass spielen. Deswegen spielte ich die ersten sechs Monate in der zweiten Mannschaft, bevor ich dann zur ersten Mannschaft dazustiess, die Unterstützung im Kampf um den NLB-Verbleib brauchte.

Bist du in der zweiten Mannschaft vor Ungeduld fast vergangen?

Nein, es ist nicht meine Mentalität. Ich könnte nie zu einem neuen Verein wechseln und sagen: «Ich will in der ersten Mannschaft spielen.»

Du warst dabei, als Chênois mit Servette fusionierte. Gab es auf Anhieb Verbesserungen?

Ja, wir haben es in allen Belangen gespürt: zunächst die Ausrüstung, wir konnten auch ab und zu in Balexert trainieren… Für uns war es am Anfang kaum zu fassen. Dann kam Eric zu uns und er hat viel zum Aufbau des Vereins beigebracht.

Du warst 2017 beim Ligaverbleib und 2018 beim Aufstieg dabei. Ausserdem hast du eine spezielle Rolle im ersten Frauenfussballspiel der Geschichte des Stade de Genève eingenommen… Welche Erinnerungen hast du an dieses Cupspiel?

Es war einmalig. Wir gerieten in Rückstand, konnten aber dann ausgleichen. Wir haben schlussendlich im Penaltyschiessen gegen YB gewonnen. Auf dem Papier waren sie viel besser als wir. Es war fantastisch!

Mit einem Tor und einem Assist hast du einen grossen Teil dazu beigetragen! Wenn du es jetzt mit einem gewissen Abstand betrachtest, war dieser Sieg ein Schlüsselmoment für den Aufstieg und die Fortschritte, welche die Mannschaft seither erzielt hat?

Ja, ich denke schon, dass diese Begegnung einen Ausgangspunkt für das schöne Abenteuer darstellt, welches wir heute noch miterleben.

Hattest du das Gefühl, dass du mit deiner Erfahrung einen Leader für diese noch unerfahrene Mannschaft warst?

Es kommt immer darauf an, was man sich unter dem Wort «Leader» vorstellt. Ich habe allerdings gespürt, dass ich Positives gebracht habe.

Heute spielen viele Neuzugänge beim Servette FCCF, aber es sind auch viele Spielerinnen noch da, welche mit dem Klub aufgestiegen sind. Ist dieses Gleichgewicht für den schnellen Wandel des Vereins ausschlaggebend?

Ja, ich denke, dass jeder Neuzugang positiv für den Verein war und etwas zur Entwicklung beigetragen hat. Es gibt eine Mischung von Spielerinnen, die länger oder weniger lang im Verein da sind, aber wir sind vor allem eine verschworene Mannschaft.

Du bist erfahren, bist allerdings noch jung. Vor erst drei Jahren bist du zu Servette gewechselt, der damals in der NLB spielte. Betrachtest du dich als die Jüngste der Alten oder als die Älteste der Jungen?

Beides! Es ist komisch, aber ich sehe mich wirklich dazwischen. Ich stehe sowohl den Älteren als auch den Jüngeren nahe.

In dieser Saison hast du auf verschiedenen Positionen gespielt. Kam diese Vielseitigkeit natürlich?

Ja und nein. Meine Lieblingsposition ist im zentralen Mittelfeld, aber ich mag es, überall zu spielen, solange ich spiele. Ich habe sowohl auf dem Flügel als auch in einer etwas defensiveren Position Spass. Die Hauptsache ist, dass der Trainer mit mir zufrieden ist.  

Wie hast du dich bis zum Unterbruch der aktuellen Saison gefühlt?

Gut und vor allem bin ich taktisch immer besser geworden. Ich habe unser 3-5-2-Spielsystem immer besser verstanden und deswegen war ich zufrieden.

Wenn die Saison weitergehen würde, welche wären deine Ziele?

Wir wollen den ersten Platz behalten und den Schweizer Cup gewinnen!

Träumst du von der Champions League?

Ja, es ist tatsächlich ein Traum. Wie wohl für jeden Fussballliebhaber und jede Fussballliebhaberin.

Auch als du mit der Profi-Mannschaft in Saint-Étienne gespielt hast, warst du in deinem Studium weiterhin sehr seriös. Ist es nicht kompliziert, ein Jusstudium mit dem Fussball in einer der besten Ligen der Welt zu kombinieren?

Es war schon kompliziert, beides miteinander zu verbinden. Ich habe jedoch immer meinem Studium den Vorzug gegeben, manchmal auf Kosten des Fussballs, aber es war meine Entscheidung. Meine Karriere war doch nicht so schlecht, deswegen bin ich zufrieden.

Du hast einen Bachelor in Jura in Saint-Étienne gemacht, dann einen zweiten Bachelor in Genf. Nun machst du einen Master in Sportrecht an der Universität Neuenburg. Möchtest du als Rechtsanwältin arbeiten?

Um genau zu sein, mache ich einen Master in Recht mit Schwerpunkt Rechtsanwaltschaft und Sportrecht.   

Ich würde sehr gerne als Rechtsanwältin im Sportbereich arbeiten, welcher ein sehr juristisches Gebiet ist, auch wenn es sich die Leute kaum vorstellen können. In der Schweiz gibt es viel Arbeit, weil fast alle internationalen Sportverbände ihren Sitz hier haben.

Betrachtest du als künftige Sportrechtsanwältin die aktuelle Situation aus einem anderen Blickwinkel? Für die Verbände ist es eine komplizierte Situation…

Für die Verbände ist es ein erstmaliges Ereignis. Sie müssen die Verschiebung der Wettkämpfe managen: zwar geht es auch finanziell um viel Geld, aber es gibt auch viele juristische Fragen zu klären. Wir Juristen profitieren von dieser Situation, um diese Problematik zu studieren. Für unser Studium ist es wirklich interessant.  

Möchtest du als Rechtsanwältin eher die Rechte der Athleten, der Vereine oder der Verbände verteidigen?

Ich weiss es noch nicht. Alle Bereiche interessieren mich und es gibt soviel zu tun, dass ich mich nicht auf einen einzelnen Bereich beschränken möchte.

Wie lange musst du noch studieren, bevor du deinen Beruf ausüben kannst?

Um sicher zu gehen, sage ich drei Jahre.

Welchen Satz könnte man sowohl auf dem Platz als auch im Gerichtssaal aussprechen?

Wenn man das Beispiel des CAS (Internationalen Sportgerichtshofes) nimmt, dann könnte man folgendes sagen: «Sie haben Recht, Herr Schiedsrichter».

Kommt es oft vor, dass du es auf dem Platz sagst?

Es kommt manchmal vor, dass ich es sage. Es heisst aber nicht, dass ich es denke.

Drei Adjektive, die dich beschreiben?

Grosszügig, ehrlich und perfektionistisch.