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Die Regisseurin des Dokumentarfilms «Footeuses» und unsere Spielerin Mirela Jakupi unterhalten sich über die städtischen Wurzeln des Frauenfussballs.


Sie wissen nicht, wie Sie sich zu Hause beschäftigen sollen? Der Servette FCCF und Mirela Jakupi haben eine kulturelle Empfehlung. Unsere junge Stürmerin, die in dieser Saison fünf Tore erzielt hat, schaute sich «Footeuses» an, einen Dokumentarfilm von Ryan Doubiago und Lyna Saoucha über den Frauenfussball und seine Protagonistinnen in der Region Île-de-France. Bei dieser Gelegenheit kommt sie auf ihren Weg zurück und spricht über den Strassen- und den Vereinsfussball sowie über die Schwierigkeiten, denen sie begegnet ist.

Hallo ihr zwei. Könnt ihr euch vorstellen?

LS: Ich heisse Lyna und bin 21 Jahre alt. Ich bin Co-Regisseurin von «Footeuses», einem Dokumentarfilm über Frauen und Fussball in Paris und Umgebung. Ich bin im 93 (Département Seine-Saint-Denis) aufgewachsen, nun wohne ich in Montfermeil und studiere Informatik und Design. Vor drei Jahren habe ich eine Internetseite aufgeschaltet, die vraiesmeufs.com heisst. Ich mache Frauenportraits, dabei werden die Frauen ohne Make-up fotografiert. Das Ziel ist, Frauen in ein anderes Licht zu stellen als mit Filtern wie «Instagram», «Make Up» oder «Photoshop». Daneben arbeite ich als Journalistin und mit Kommunikationsagenturen zusammen. Meine letzte Produktion ist «Footeuses».   

MJ: Ich heisse Mirela und bin 20 Jahre alt. Ich wohne in Genf und spiele seit meinem sechsten Lebensjahr Fussball in meinem Quartier. Im Verein spiele ich erst seit 2015. Davor wollte meine Mutter nicht, dass ich Fussball spiele. Sie war der Meinung, dass Fussball für die Buben sei. Ich habe trotzdem nie nachgelassen und heute kommt sie zu meinen Spielen. Neben meiner Tätigkeit beim Servette FC Chênois Féminin arbeite ich als Sicherheitskraft. 

LS: Hattest du die Möglichkeit, meinen Dokumentarfilm zu sehen?

MJ: Klar doch! Ich habe es wirklich geliebt, manchmal hatte ich den Eindruck, dass es von meinen eigenen Erfahrungen als Mädchen erzählt.

Hast du dich in gewissen Szenen wiedererkannt?

MJ: Ich würde eher sagen, dass ich mit allen Mädchen gewisse Ähnlichkeiten habe.

Lyna, spielst du selber auch Fussball?

LS: Nein, ich spiele keinen Fussball, auch wenn mir der Film Lust darauf gemacht hat, es zu lernen. Was ich in diesem Sport besonders mag, ist, dass es eine der Sportarten ist, welche die Leute am meisten miteinander verbindet: Jeder hat eine Geschichte mit dem Fussball, sei es, dass man nur die grossen Turniere anschaut oder dass man ein absoluter Fan ist, der jede Woche ins Stadion geht. Fussball ist ein Spiegelbild der Gesellschaft: dass die Frauen im Fussball nicht im Vordergrund stehen, ist nicht unbedeutend, denn es ist auch im «wahren Leben» so. Ich schaue Spiele der französischen Frauen- und Männernationalmannschaft, einige Spiele des PSG (Frauen und Männer) sowie Begegnungen der Frauen von Olympique Lyonnais. Aber selber tanze und klettere ich.   

Mirela, hast du als Kind darunter gelitten, dass es keine weiblichen Vorbilder gab? Du hast eben von deiner Mutter erzählt, die nicht wollte, dass du Fussball spielst…

MJ: Ja klar. Ich denke es so wie du.

Mirela, sind deine Fussballvorbilder auch weiblich oder sind es nur Männer?

Lyna, konntest du bei den gefragten Mädchen ausmachen, ob die Berichterstattung der Frauenspiele ausreicht, um aus diesen Spielerinnen Vorbilder zu machen oder identifizieren sich die Mädchen nur mit den grossen männlichen Spielern?

MJ: Ich habe weibliche Vorbilder. Le Sommer, Hegerberg, Rapinoe und noch weitere gute Spielerinnen.

LS: Ich habe gemerkt, dass es sich im Verlauf der WM 2019 verändert hat. Am Anfang der Dreharbeiten waren es nur Mbappé, Messi, Zidane… Zum Schluss hin gab es auch Majri oder Renard, vor allem bei den Älteren. Ich finde, dass es vor allem ältere Mädchen sind, die sich für die Spielerinnen interessieren. Aber es sind nur Beobachtungen! Als wir in Bondy gefilmt haben, alle sprachen nur von Mbappé! Mädchen wie Buben.

MJ: Es ist schon so, dass es auch für mich ziemlich neu ist, dass meine Vorbilder weiblich sind. Als ich jünger war, schaute ich zu Zidane, Ronaldinho, Káká, Henry,… hoch.

Im Film sieht man, dass viele Mädchen unter sich spielen. Mirela, wie war es als du jünger warst? Hast du mit Mädchen oder nur mit Jungen gespielt?

MJ: Oft war eine meiner besten Freundinnen mit mir, wir waren die zwei einzigen Mädchen unter den Jungen. Sehr oft war ich aber das einzige Mädchen.

Gibt es solch ein Zusammentreffen von Mädchen, die in einem Park oder in einem City-Stadion gemeinsam Fussballspielen, wie man es im Film sehen kann, auch in Genf?

MJ: Früher gab es kein City-Stadion, wir spielten auf dem Kies. Heute gibt es mindestens einen Platz in jedem Quartier. Ich finde es top, manchmal spiele ich auch mit. Es gibt kleine Spiele, ich mag es sehr. Ich habe hingegen nie ausschliesslich mit Mädchen gespielt. Es wäre sicherlich cool gewesen, als ich jünger war, dass wir nur unter Mädchen gespielt hätten. Aber mit den Jungen habe ich viel gelernt. Für sie war es auch nicht wichtig, dass ich ein Mädchen bin, sie spielten so wie sonst immer.  

Lyna, wie ist deine Erfahrung? Wie reagieren Mädchen, die mit Jungen Fussball spielen? Bekommen sie deswegen Komplexe oder macht sie das hingegen härter?

LS: Ich habe überhaupt nicht den Eindruck, dass sie Komplexe bekommen. Sie nehmen das als eine Stärke. Diejenigen, die ich getroffen habe, haben mir gesagt, dass sie von den Buben akzeptiert wurden. Die Buben vertrauten ihnen, aber gleichzeitig schenkten sie den Mädchen nichts. Damit haben sie gelernt, über sich hinauszuwachsen.

Einige Mädchen in «Footeuses» verdanken es dem Fussball, dass sie von den Buben akzeptiert wurden. Mirela, war es auch dein Fall? Lyna, denkst du, dass es sich in Zukunft ändern wird?

LS: Ich hoffe, dass es sich ändern wird. Es hat mir etwas leidgetan, dass sich die Mädchen damit zufriedengeben, von den Jungen akzeptiert zu werden. Meiner Meinung nach sind diese Mädchen sehr talentiert und entschlossen, sie haben es nicht nötig, von jemandem akzeptiert zu werden oder etwas zu beweisen. Ich hoffe, dass es diese Probleme künftig nicht mehr geben wird! 

MJ: Ja, ich denke, dass es für mich auch ein bisschen so war.

In deinem Film sieht man Spielerinnen, die unterschiedlichen Zielen nachgehen: für manche ist das eben die Akzeptanz. Für andere ist es die athletische Fitness, der soziale Kontakt mit den Mitspielerinnen oder auch nur der Spass am Fussball. Gibt es auch welche, die für eine Karriere, einen Ruf oder Pokale spielen?

LS: Es gibt im Fussball alles, so wie in jeder anderen Sportart auch. Jeder hat unterschiedliche Gründe. Auch wenn es sehr schöne Beispiele von professionellen Karrieren und Mädchen mit grossen Ambitionen gibt, war es uns wichtig zu zeigen, dass es vor allem eine grosse Spiellust gibt, Fussball mit Spass zu spielen, wie man jede andere Sportart treiben würde, um sich einfach zu entspannen.

Mirela, wie haben sich deine Ziele und deine Ambitionen zwischen der Zeit des Strassenfussballs und der Zeit im Verein verändert?

MJ: Mein Traum war schon immer, professionelle Fussballerin zu werden. Aber ich habe erst wirklich daran geglaubt, als ich im Verein angefangen habe. Als ich auf der Strasse spielte, war es für mich schwieriger, 100% daran zu glauben, weil meine Mutter nicht wollte, dass ich Fussball spiele.

Ist es im Verein sofort gut gelaufen oder hast du eine Anpassungszeit gebraucht?

MJ: Ich habe eine Anpassungszeit gebraucht. Am Anfang hatte ich vor allem mit dem Abseits Mühe, da ich Stürmerin bin.

In welchem Ausmass gebieten die Fussballerinnen, die ihren Weg in einem Verein erfolgreich gehen, Achtung und Bewunderung bei denjenigen, mit denen sie auf der Strasse spielen? Wie wir wissen, hat Mbappé in Bondy Kultstatus, weil er das Kind des Quartiers ist, das es geschafft hat. Gibt es sowas bei den Spielerinnen auch?

MJ: Auch bei den Spielerinnen spürt man den Stolz des Quartiers. Dass ich es mit den Jüngeren teilen kann, sie vielleicht inspirieren kann, das macht mich sehr stolz.

LS: Es ist sehr interessant zu sehen, dass sie von allen respektiert werden. Dank ihrem Weg und ihrer Kraft sind Betty, Imène und Assa wahre Modelle in ihren Vereinen und in ihren Quartieren. Und dies sowohl bei den kleinen Buben als auch bei den Mädchen. Inspirieren zu können ist keine Genderfrage: im Sommer gab es auch Männer, die das Trikot der französischen Frauennationalmannschaft trugen. Wir müssen uns allerdings nichts vormachen, wir sind nicht auf demselben Level wie bei den Männern, aber muss es so werden? Ich hoffe nicht. Ich hoffe, dass sowohl Mädchen als auch Jungen weiterhin inspirierend wirken, aber ich wünsche mir nicht, dass der Frauenfussball den gleichen Weg wie denjenigen des Männerfussballs geht. 

Müssen die Fussballerinnen Verantwortung übernehmen, weil sie eben andere inspirieren können? Bei den Männern ist es oft der Fall, denn von ihnen wird verlangt, dass sie als Vorbilder agieren. Weil ihren Weg etwas holpriger ist, ist es bei den Frauen vorstellbar, dass sie gegenüber Jüngeren eine Verantwortung haben, nämlich die eigene Geschichte «normal» bzw. «gesellschaftstauglich» werden zu lassen.

LS: Ich glaube, dass Sponsoren und Vereine immer mehr daran denken und sich dafür einsetzen, dass die Fussballerinnen auch für ihren Weg in den Vordergrund gestellt werden. Wenn wir von Athletinnen sprechen, zeigen wir sie oft, während sie performen, weil sich Frauen immer beweisen müssen. Ich bin der Meinung, dass Mädchen mehr Mühe als Jungen damit haben, sich in den Vordergrund zu stellen, als ob sie denken würden, dass sie kein Recht dazu haben. Während meiner Tätigkeit für «Vraies Meufs» habe ich sowas beobachtet, aber auch bei den Dreharbeiten für «Footeuses». Für sie ist es schwierig, öffentlich zu reden, denn sie legen auf Ihr Image und Ihren Ruf sehr viel Wert. Bei den Männern ist es anders: sobald sie eine Kamera sehen, drehen sie auf. 

Mirela, hast du den Eindruck, dass du für manche Mädchen ein Vorbild bist? Bereitet dir das Druck?

MJ: Nein, ganz im Gegenteil, es motiviert mich noch mehr.

Für dich Lyna sind die Vereine für das Image verantwortlich?

LS: Sie sind nicht unbedingt für das Image verantwortlich, dafür gibt es die Sponsoren und Ausrüster. Ich glaube hingegen, dass die Vereine dafür verantwortlich sind, dass Mädchen und Buben dieselben Möglichkeiten bekommen, es zu schaffen. Olympique Lyonnais ist ein gutes Beispiel dafür, dass es sich lohnt, in den Frauenfussball zu investieren. Es geht aber nicht nur um finanzielle Investitionen, sondern um Ausrüstung, Plätze, Infrastrukturen, usw.

Wie wichtig ist es, dass alle grossen männlichen Vereine auch eine Frauenmannschaft haben?

LS: Ich finde es unglaublich, dass manche Vereine noch keine Frauenmannschaft haben, vor allem wenn man weiss, dass es genügend Mädchen gibt, die spielen. Mädchen interessieren sich immer mehr dafür und es gibt immer mehr Konkurrenz. Ich glaube, dass die männlichen Mannschaften in Amerika zwingend eine Frauenmannschaft haben müssen, wenn sie die Copa sudamericana bestreiten wollen.

Im Film «Footeuses» werden der Stil und das Image auf und neben dem Platz oft erwähnt. Es wird unter anderem vom Vorurteil des Mannweibs gesprochen. Hast du sowas erlebt, Mirela?

MJ: Nicht wirklich, vielleicht auch nur, weil ich das einzige Mädchen unter den Buben war.

Ist es schon vorgekommen, dass die Leute nicht daran glauben, dass du Fussball spielst, weil du zu weiblich erscheinst?

MJ: Oh ja! Das kommt sehr oft vor, dass man mir nicht sofort glaubt. Ich muss dann Fotos zeigen, damit die Leute es glauben.

Glaubst du, dass du auf dem Platz deine Weiblichkeit behältst oder versteckst du diesen Teil deiner Persönlichkeit, wenn du spielst?

MJ: Auf dem Platz gebe ich einfach mein Bestes, ich kümmere mich nicht darum, wie ich aussehe, wie meine Haare oder meine Fingernägel sind. Es ist nur ein Beispiel. Weiblichkeit ist nicht nur das, aber wenn ich auf dem Platz bin, denke ich wirklich nicht daran.

Lyna, im Film müssen sich einige Mädchen fast schon rechtfertigen und erklären, dass sie neben dem Platz «normale Kleidung» tragen. Einer Tennisspielerin, einer Schwimmerin oder einer Skifahrerin würde man diese Frage nie stellen, ob sie normale Kleidung trägt, wenn sie keine Sportkleidung anhat. Warum ist es im Fussball so und was kann man gegen diese Vorurteile unternehmen?

LS: Eigentlich ist es so, weil die Leute denken, dass Fussballerinnen Mannweiber sind. Und dieses Vorurteil gibt es heute noch. Im Film haben wir vom Stil dieser Mädchen gesprochen, weil wir auch zeigen wollten, dass sie ebenfalls eine Kultur und einen Lifestyle haben. Es wird oft über den Stil der Männer geredet (Haar- und Bartschnitt, Kleider, usw.), aber sowas gibt es bei den Frauen auch!

MJ: Es stimmt, es wird nicht oft genug gesagt.

Im Männerfussball ist es oft davon die Rede, dass die besten Talente aus den sozial benachteiligten Quartieren kommen, weil die Prekarität ihnen eine zusätzliche Motivation gibt, es zu schaffen. Im Frauenfussball kann die Prekarität auch im Erfolgsfall nicht im gleichen Ausmass bekämpft werden. Spielen diese Quartiere aufgrunddessen auch eine spezielle Erziehungsrolle?

MJ: Ich denke, dass die Leidenschaft für den Fussball in vielen Quartieren verankert ist und das gilt sowohl für Mädchen als auch für Jungs.

LS: Ich denke, dass die Quartiere und Stadtrandgebiete eine wichtige Rolle darin spielen, dass sie bei den Mädchen eine Kultur für den Fussball entwickeln. Aber Fussballerinnen kommen von überall: vom Hauptstadtzentrum, vom Dorf, vom Vorort, vom Stadtrandgebiet. Das Alter, die Herkunft oder die Bevölkerungsschicht sind relativ egal. Bei manchen Mädchen gibt es auch dieses «Fussballspielen, um sich nicht abzurackern», aber es kommt viel seltener als bei den Jungs vor. Der Gedanke, Fussball zu spielen, um bekannt zu werden, gibt es viel weniger als bei den Buben, auch weil der Lohn und der Bekanntheitsgrad anders als für einen Messi sind, da müssen wir ehrlich sein. Einige Jungs können mit diesem Gedanken spielen, aber bei den Mädchen ist oft die Leidenschaft wichtiger als der Traum vom Profitum.